Deutsche Stellenausschreibungen unterscheiden zwischen Mann und Frau: Wie geschlechtsspezifische Sprache die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verfestigt

Obwohl die Gleichheit der Geschlechter von vielen Seiten gefordert wird, sieht zumindest die Realität in vielen deutschen Betrieben anders aus: Frauen sind in vielen Berufen unterrepräsentiert. So lag z. B. der Anteil von Frauen in deutschen Vorständen 2017 nur bei sieben Prozent (Quelle: Beratungsunternehmens EY). Oder nur 23% der Professuren an deutschen Hochschulen und Universitäten wurden 2015 an Frauen vergeben (Quelle: Statistisches Bundesamt). Ebenso sind nur 13% in den Ingenieursberufen weiblich (Quelle: Statistisches Bundesamt). Neben individuellen Faktoren, wie Glaube, Einstellung und Stereotype eines jeden Einzelnen (z. B. das Stereotyp „Die freundliche, aber beruflich inkompetente Hausfrau“, Cuddy, Fiske, & Glick, 2004) gibt es auch sog. institutionelle Faktoren (z. B. Gesetze, Politik), die bestehende Ungleichheiten auf institutioneller Ebene wiederholen und verfestigen. Wissenschaftler der Waterloo und Duke University untersuchten 2011 ob solche institutionellen Ungleichheiten auch in Ausschreibungen für offene Stellen bestehen und so die Unterrepräsentierung von Frauen in männerdominierten Berufen mit erklären. Konkret untersuchten die drei Forscher Gaucher, Friesen und Kay, ob männliche Worte (z. B. „dominant“, „kompetitiv“) häufiger in Stellenausschreibungen von männer-dominierte Berufen auftauchen und ob die bloße Präsenz dieser Worte Frauen davon abhalten, sich für diese Berufe zu bewerben. Für diese These spricht einiges. Bereits vor 45 Jahren untersuchten die Forscher Bem und Bem (1973), ob Stellenausschreibung in denen explizit nach Männern oder Frauen gesucht wurde, Einfluss auf die Anzahl der Bewerbungen eines Geschlechts hatten. Die Forscher setzen manipulierte Stellenanzeigen in die Zeitung, die entweder direkt Männer oder beide Geschlechter gleichermaßen ansprachen. Doch die Forscher gingen noch weiter. Sie schrieben Stellenausschreibungen für Berufe mit hohem Männeranteil so um, dass explizit Frauen angesprochen wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die meisten Frauen auf Ausschreibungen bewarben, die sie direkt ansprachen sogar dann, wenn es Stellenausschreibungen für typisch männliche Berufe waren.

Geschlechtsstereotype und wie sie Einfluss auf die Sprache haben

Geschlechtsstereotype sind weit verbreitet und in der sozialpsychologischen Literatur gut dokumentiert (Glick & Fiske, 1996). Generell werden Frauen als sozialer und bezogener als Männer beschrieben, während Männer mit Führung und Aktivität assoziert werden. Bei zahlreichen Untersuchungen zur Verwendung von Sprache bei Frauen und Männern zeigten sich ebenfalls Unterschiede. Frauen verwenden mehr soziale Worte, benutzen mehr emotionale Worte, oder sprechen häufiger von Beziehungen (und verwenden dazu Personalpronomen, z. B. Newman, Groom, Handelman, & Pennebaker, 2008). Sprache ändert sich auch dann, wenn über verschiedene Geschlechter gesprochen oder geschrieben wird – unabhängig vom Geschlecht des Autors (Schmader, Whitehead, & Wysocki, 2007). Empfehlungsschreiben für Jobs an Universitäten zeigen deutliche Geschlechtereffekte: Wird ein Mann empfohlen, werden mehr „standout Worte“ (z. B. einzigartig, herausragend) 2 verwendet im Vergleich zu Empfehlungen für Frauen. In Empfehlungsschreiben für Stellen an psychologischen Lehrstühlen fanden sich ähnliche Effekte. Frauen wurden dort – gemäß der oben vorgestellten Stereotypen – als sozialer und passiver beschrieben als Männer. Besonders erwähnenswert ist hier, dass solche Empfehlungsschreiben, die besonders „feminin“ klangen, seltener zu einer Einstellung führten, was einen diskriminierenden Geschlechtereffekt deutlich werden lässt.

Die Forscher um Gaucher erklären ihre bisher gefundenen Geschlechtereffekt folgendermaßen: Feine Unterschiede in der Verwendung von geschlechtsspezifischen Formulierungen beeinflussen die Wahrnehmung von Berufen, die sich über die Zeit verfestigt. Frauen und Männer bewerben sich in der Folge bevorzugt auf Stellen, die ihrem Geschlecht am ehesten entsprechen weil sie dadurch Gruppenzugehörigkeit und Passung empfinden. Maskulin formulierte Ausschreibungen signalisieren, dass in diesem Beruf viele Männer arbeiten und sie spricht daher auch eher Männer an. Frauen wiederum nehmen wahr, dass sie dort nicht hingehören und bewerben sich in der Folge auch nicht für die Stelle.

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