Am 16. April 2020  von Simone Burel

Als lin­gu­is­ti­sche Unter­neh­mens­be­ra­te­rin kann Simo­ne Burel im Auf­trag von Unter­neh­men Stel­len­an­zei­gen sprach­lich tunen. Damit sich bei­spiels­wei­se Frau­en geziel­ter ange­spro­chen füh­len und sich bewer­ben. Bevor Burel ihr Unter­neh­men, die LUB GmbH, in Mann­heim gegrün­det hat, unter­such­te sie für ihre Dok­tor­ar­beit die Spra­che der Dax-Kon­zer­ne – und leg­te mit den damals erstell­ten geschlechts­spe­zi­fi­schen Wort­lis­ten den Grund­stein für ihre heu­ti­ge Arbeit. Burels Fokus liegt auf dem The­ma Gen­der. Sie arbei­tet mit der deut­schen und eng­li­schen Spra­che.

Frau Burel, Sie haben Wort­lis­ten mit künst­li­cher Intel­li­genz kom­bi­niert. Was genau heißt das? 

Im Rah­men mei­ner Dok­tor­ar­beit habe ich Lis­ten von Wör­tern erstellt, die erfolg­ver­spre­chend für eine gelun­ge­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on in bestimm­ten Situa­tio­nen sind, und die­se mit einem Algo­rith­mus kom­bi­niert, um Tex­te maschi­nell zu ana­ly­sie­ren. Mitt­ler­wei­le sind in unse­re Wort­lis­ten die Erkennt­nis­se der 20 bis 30 Stu­di­en ein­ge­flos­sen, die sich in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren mit Gen­der und Spra­che befasst haben.  

Was ver­ste­hen Sie unter einer gelun­ge­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on? 

Neh­men wir den Fall einer Stel­len­an­zei­ge, für den wir oft beauf­tragt wer­den. Kommt dar­in bei­spiels­wei­se das Adjek­tiv team­fä­hig vor, fühlt sich eine Frau eher ange­spro­chen, als wenn dort ana­ly­tisch zu lesen wäre. Es geht also um Wör­ter, die Frau­en oder Män­ner ten­den­zi­ell abschre­cken oder anzie­hen.

Was soll­ten Unter­neh­men beach­ten, wenn sie mit einer Stel­len­an­zei­ge auch Frau­en errei­chen wol­len? 

Der Job­ti­tel soll­te natür­lich nicht das gene­ri­sche Mas­ku­li­num sein. Auch der „Mana­ger“ mit „m/w/d“ in Klam­mern ist nicht opti­mal. Ent­we­der das Unter­neh­men wählt die Dop­pel­form oder fin­det ein neu­tra­les Syn­onym für die Posi­ti­on. In der Anzei­ge soll­ten Eigen­schafts­wor­te vor­kom­men, die Frau­en anspre­chen. Wie etwa team­fä­hig oder koope­ra­ti­ons­fä­hig.

Lesen Frau­en und Män­ner Stel­len­an­zei­gen denn unter­schied­lich? 

Frau­en set­zen den Fokus auf die in der Anzei­ge genann­ten Anfor­de­run­gen. Dabei che­cken sie jede ein­zel­ne mit ihrem eige­nen Pro­fil gegen. Erst wenn sie 70 Pro­zent der gefor­der­ten Fähig­kei­ten oder Eigen­schaf­ten erfül­len, bewer­ben sie sich. Män­nern reicht dafür schon eine Über­schnei­dung von 30 Pro­zent. Sie über­flie­gen die Anzei­ge auch nur. Das bele­gen Stu­di­en, die die Augen­be­we­gun­gen des Lesers oder der Lese­rin von Stel­len­an­zei­gen unter­su­chen.

Wie soll­ten Unter­neh­men das in ihrer Stel­len­an­zei­ge berück­sich­ti­gen? 

Sie soll­ten die Anzei­ge nicht mit Anfor­de­run­gen über­frach­ten, son­dern kri­tisch prü­fen, wel­che wirk­lich wich­tig sind und genannt wer­den soll­ten. Gleich­zei­tig soll­ten sie sich bewusst sein, dass Frau­en ver­stärkt auf Zusatz­in­for­ma­tio­nen über das Unter­neh­men wie sozia­le Leis­tun­gen, Wei­ter­bil­dung, Gesund­heits­ma­nag­ment, Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie anspre­chen.

Neben Stel­len­an­zei­gen wofür neh­men Unter­neh­men noch ihre sprach­li­chen Ana­ly­sen in Anspruch? 

Bei­spiels­wei­se auch für die Ana­ly­se von Ergeb­nis­sen aus Mit­ar­bei­ter­um­fra­gen. Da geht es um die Frei­text-Ant­wor­ten, also um Fra­gen, die mit selbst for­mu­lier­ten Text und nicht durch Ankreu­zen einer Mul­ti­ple-Choice-Opti­on bean­wor­tet wer­den. Oft wer­den die­se Tex­te in den Aus­wer­tun­gen kom­plett ver­nach­läs­sigt. Dabei ent­hal­ten sie nicht sel­ten wich­ti­ge Aus­sa­gen zu Inno­va­ti­ons­ideen, Befin­den von Mit­ar­bei­tern und zur Unter­neh­mens­kul­tur.  

Wie wird der Frei­text maschi­nell ana­ly­siert? 

Jedes Wort trägt eine Zahl im Hin­ter­grund: „bes­tens“ bei­spiels­wei­se eine +1, „Baum“ 0 und „schlecht“ dann ‑1. Pro Text wird dar­aus eine Stim­mung errech­net. In der Ana­ly­se wird dann bewer­tet, ob es sich um das Phä­no­men eines ein­zel­nen Mit­ar­bei­ters han­delt oder ob es auf ein Pro­blem in einer gesam­ten Abtei­lung hin­deu­tet.

Wäre es nicht sinn­voll, dass sich Unter­neh­men schon ihren Rat holen, wenn sie die Fra­ge­stel­lun­gen für ihre Umfra­gen for­mu­lie­ren?

Sicher, dann könn­te von vor­ne­her­ein schon eine gewis­se Ten­denz in der Fra­ge­stel­lung ver­mie­den wer­den. Das Inter­es­se besteht, doch oft ist es den Unter­neh­men zu teu­er, wenn wir den gesam­ten Umfra­ge­pro­zess beglei­ten.

Gibt es einen Unter­schied in der Zah­lungs­be­reit­schaft, wenn es um bestehen­de oder neue Mit­ar­bei­ter geht? 

Unter­neh­men stel­len bereit­wil­li­ger ein Bud­get bereit, wenn es um die Opti­mie­rung von Restruk­tu­rie­rungs­pro­zes­sen, also um das Anwer­ben neu­er Mit­ar­bei­ter, geht.

Kann die Art, wie Spra­che gebraucht wird, auch als Früh­warn­sys­tem für den dro­hen­den Bur­nout von Mit­ar­bei­tern oder nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten von Füh­rungs­kräf­ten die­nen? 

Dazu lau­fen etli­che Stu­di­en. Doch bis­lang gibt es noch kei­ne vali­den For­schungs­er­geb­nis­se, die die­sen Zusam­men­hang bestä­ti­gen.

Wie mes­sen Sie den Erfolg ihrer Arbeit? 

Wenn wir min­des­tens sechs Mona­te in einem Unter­neh­men tätig sind, kön­nen wir bewer­ten, ob wir mit unse­rer Bera­tung die Sprach­kul­tur nach­hal­tig beein­flusst haben. Bei­spiels­wei­se ist es uns bei einem Kun­den gelun­gen, die Frau­en­quo­te unter den Bewer­bun­gen auf eine aus­ge­schrie­be­ne Stel­le um 33 Pro­zent zu stei­gern. 

Bis­lang ging es in unse­rem Inter­view nur um Schrift­spra­che. Bera­ten Sie auch, wenn es um das gespro­che­ne Wort geht? 

Ja, sol­che Auf­trä­ge machen rund 20 Pro­zent unse­rer Tätig­keit aus. In sol­chen Fäl­len geht es dann um kon­kre­te Fra­ge­stel­lun­gen wie etwa: „Wie ist die Unter­neh­mens­kul­tur in Bespre­chun­gen?“ Dafür neh­men wir Bespre­chun­gen auf und ana­ly­sie­ren die Abschrif­ten nach ver­schie­de­nen Kri­te­ri­en: Wer spricht wie lang, wer fragt, wer prä­sen­tiert, wer unter­bricht wen. Auch haben wir schon bera­ten, als es um das all­täg­li­che sprach­li­che Mit­ein­an­der in einem Team ging. Die weib­li­chen Füh­rungs­kräf­te fühl­ten sich nicht ernst genom­men und mach­ten das an den von Män­ner gebrauch­ten Begrif­fen wie „Büo­mut­ti“, „Kar­rie­re­frau“ oder „die Mädels“ fest. Die männ­li­chen Füh­rungs­kräf­te nann­ten dage­gen kein Wort, das ihnen im täg­li­chen Umgang pro­ble­ma­tisch erschien.

Spre­chen die Män­ner und Frau­en in die­sem Team jetzt anders mit­ein­an­der? 

Das Team hat einen Wort­leit­fa­den ent­wi­ckelt und ver­ein­bart, dass immer ein Bei­trag für die Kaf­fee­kas­se fäl­lig wird, soll­te eines der Pro­blem­wör­ter wie­der fal­len. Bis­lang, gut sechs Mona­te danach, hält sich das Team dar­an.

Sie bie­ten auch indi­vi­du­el­les Sprach­coa­ching für Frau­en und Män­ner an. Auf wel­che Punk­te soll­ten Frau­en ach­ten, wenn sie sich nach außen posi­ti­ver prä­sen­tie­ren wol­len? 

Weni­ger Weich­ma­cher wie „eigent­lich, viel­leicht, ich glau­be, man“ in ihrer Spra­che nut­zen. Wenn Frau­en über ihren Erfolg spre­chen, soll­ten sie sich nicht scheu­en, das Per­so­nal­pro­no­men „ich“ mit ihrem Erfolg in Ver­bin­dung zu brin­gen. In Emails soll­ten Frau­en erst zum Kern kom­men und dann zu den Grün­den. Oft sind die Emails auch zu lang.

Und wie sieht es jen­seits der Spra­che aus?

Frau­en soll­ten, wenn sie gehen, öfter ihren Kurs bei­be­hal­ten und nicht bereit­wil­lig aus­wei­chen, wenn ein ande­rer Mensch ihnen ent­ge­gen­kommt. Eine Stu­die, die das Lauf­ver­hal­ten weib­li­cher Füh­rungs­kräf­te in Unter­neh­men unter­sucht hat, hat erge­ben, dass Frau­en viel öfter und schnel­ler aus­wei­chen als Män­ner. Auch soll­ten sie sich bei öffent­li­chen Auf­trit­ten nicht klein­ma­chen, also ihre Bei­ne über­ein­an­der­schla­gen und gleich­zei­tig die Arme ver­schrän­ken.

Soll­ten Frau­en dann eher breit­bei­nig auf dem Podi­um sit­zen? 

Könn­te man den­ken, führt aber auch zu nega­ti­ven Reak­tio­nen. Ich habe mich absicht­lich mal ten­den­zi­ell breit­bei­nig auf ein Podi­um gesetzt. Danach bekam ich etli­che Kom­men­ta­re, war­um ich mich dort oben in Cow­boy-Manier prä­sen­tiert hät­te. Soviel zu unse­ren Seh­kon­ven­tio­nen.


Ähnliche Beiträge:

Am 29.9.2020 von 

Interview

Am 29.9.2020 von 

Interview


Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Markierte Felder sind notwendig.

{"email":"E-Mail Adresse ungültig.","url":"URL ungültig.","required":"Bitte füllen Sie alle erforderlichen Felder aus."}

FATALER Newsletter

Jetzt abonnieren. Einmal im Monat die neusten Inhalte aus unserer Forschung und Beratung erhalten.