Am 16. März 2020  von Simone Burel

Wie geschlechts­spe­zi­fi­sche Spra­che die Ungleich­heit zwi­schen den Geschlech­tern ver­fes­tigt. – Obwohl die Gleich­heit der Geschlech­ter von vie­len Sei­ten gefor­dert wird, sieht zumin­dest die Rea­li­tät in vie­len deut­schen Betrie­ben anders aus: Frau­en sind in vie­len Beru­fen unter­re­prä­sen­tiert. So lag z. B. der Anteil von Frau­en in deut­schen Vor­stän­den 2017 nur bei sie­ben Pro­zent (Quel­le: Bera­tungs­un­ter­neh­mens EY). Oder nur 23% der Pro­fes­su­ren an deut­schen Hoch­schu­len und Uni­ver­si­tä­ten wur­den 2015 an Frau­en ver­ge­ben (Quel­le: Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt). Eben­so sind nur 13% in den Inge­nieurs­be­ru­fen weib­lich (Quel­le: Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt).

Neben indi­vi­du­el­len Fak­to­ren, wie Glau­be, Ein­stel­lung und Ste­reo­ty­pe eines jeden Ein­zel­nen (z. B. das Ste­reo­typ „Die freund­li­che, aber beruf­lich inkom­pe­ten­te Haus­frau“, Cud­dy, Fis­ke, & Glick, 2004) gibt es auch sog. insti­tu­tio­nel­le Fak­to­ren (z. B. Geset­ze, Poli­tik), die bestehen­de Ungleich­hei­ten auf insti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne wie­der­ho­len und ver­fes­ti­gen. Wis­sen­schaft­ler der Water­loo und Duke Uni­ver­si­ty unter­such­ten 2011 ob sol­che insti­tu­tio­nel­len Ungleich­hei­ten auch in Aus­schrei­bun­gen für offe­ne Stel­len bestehen und so die Unter­re­prä­sen­tie­rung von Frau­en in män­ner­do­mi­nier­ten Beru­fen mit erklä­ren. Kon­kret unter­such­ten die drei For­scher Gau­cher, Frie­sen und Kay, ob männ­li­che Wor­te (z. B. „domi­nant“, „kom­pe­ti­tiv“) häu­fi­ger in Stel­len­aus­schrei­bun­gen von män­ner-domi­nier­te Beru­fen auf­tau­chen und ob die blo­ße Prä­senz die­ser Wor­te Frau­en davon abhal­ten, sich für die­se Beru­fe zu bewer­ben.

Für die­se The­se spricht eini­ges. Bereits vor 45 Jah­ren unter­such­ten die For­scher Bem und Bem (1973), ob Stel­len­aus­schrei­bung in denen expli­zit nach Män­nern oder Frau­en gesucht wur­de, Ein­fluss auf die Anzahl der Bewer­bun­gen eines Geschlechts hat­ten. Die For­scher set­zen mani­pu­lier­te Stel­len­an­zei­gen in die Zei­tung, die ent­we­der direkt Män­ner oder bei­de Geschlech­ter glei­cher­ma­ßen anspra­chen. Doch die For­scher gin­gen noch wei­ter. Sie schrie­ben Stel­len­aus­schrei­bun­gen für Beru­fe mit hohem Män­ner­an­teil so um, dass expli­zit Frau­en ange­spro­chen wur­den. Die Ergeb­nis­se zeig­ten, dass sich die meis­ten Frau­en auf Aus­schrei­bun­gen bewar­ben, die sie direkt anspra­chen sogar dann, wenn es Stel­len­aus­schrei­bun­gen für typisch männ­li­che Beru­fe waren.

Geschlechtsstereotype und wie sie Einfluss auf die Sprache haben

Geschlechts­ste­reo­ty­pe sind weit ver­brei­tet und in der sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen Lite­ra­tur gut doku­men­tiert (Glick & Fis­ke, 1996). Gene­rell wer­den Frau­en als sozia­ler und bezo­ge­ner als Män­ner beschrie­ben, wäh­rend Män­ner mit Füh­rung und Akti­vi­tät asso­ziert wer­den. Bei zahl­rei­chen Unter­su­chun­gen zur Ver­wen­dung von Spra­che bei Frau­en und Män­nern zeig­ten sich eben­falls Unter­schie­de. Frau­en ver­wen­den mehr sozia­le Wor­te, benut­zen mehr emo­tio­na­le Wor­te, oder spre­chen häu­fi­ger von Bezie­hun­gen (und ver­wen­den dazu Per­so­nal­pro­no­men, z. B. New­man, Groom, Han­del­man, & Pen­ne­baker, 2008).

Spra­che ändert sich auch dann, wenn über ver­schie­de­ne Geschlech­ter gespro­chen oder geschrie­ben wird – unab­hän­gig vom Geschlecht des Autors (Schma­der, Whit­ehead, & Wyso­cki, 2007). Emp­feh­lungs­schrei­ben für Jobs an Uni­ver­si­tä­ten zei­gen deut­li­che Geschlech­ter­ef­fek­te: Wird ein Mann emp­foh­len, wer­den mehr „standout Wor­te“ (z. B. ein­zig­ar­tig, her­aus­ra­gend) 2 ver­wen­det im Ver­gleich zu Emp­feh­lun­gen für Frau­en. In Emp­feh­lungs­schrei­ben für Stel­len an psy­cho­lo­gi­schen Lehr­stüh­len fan­den sich ähn­li­che Effek­te. Frau­en wur­den dort – gemäß der oben vor­ge­stell­ten Ste­reo­ty­pen – als sozia­ler und pas­si­ver beschrie­ben als Män­ner. Beson­ders erwäh­nens­wert ist hier, dass sol­che Emp­feh­lungs­schrei­ben, die beson­ders „femi­nin“ klan­gen, sel­te­ner zu einer Ein­stel­lung führ­ten, was einen dis­kri­mi­nie­ren­den Geschlech­ter­ef­fekt deut­lich wer­den lässt.

Die For­scher um Gau­cher erklä­ren ihre bis­her gefun­de­nen Geschlech­ter­ef­fekt fol­gen­der­ma­ßen: Fei­ne Unter­schie­de in der Ver­wen­dung von geschlechts­spe­zi­fi­schen For­mu­lie­run­gen beein­flus­sen die Wahr­neh­mung von Beru­fen, die sich über die Zeit ver­fes­tigt. Frau­en und Män­ner bewer­ben sich in der Fol­ge bevor­zugt auf Stel­len, die ihrem Geschlecht am ehes­ten ent­spre­chen weil sie dadurch Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit und Pas­sung emp­fin­den. Mas­ku­lin for­mu­lier­te Aus­schrei­bun­gen signa­li­sie­ren, dass in die­sem Beruf vie­le Män­ner arbei­ten und sie spricht daher auch eher Män­ner an. Frau­en wie­der­um neh­men wahr, dass sie dort nicht hin­ge­hö­ren und bewer­ben sich in der Fol­ge auch nicht für die Stel­le.

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